Wer kennt es nicht? Man kauft sich eine Karte für „Hamlet“ oder „Faust“, erwartet wallende Gewänder und geschliffene Verse – und findet sich plötzlich in einer Kulisse aus Neonröhren wieder, während die Schauspieler in Anzügen auf die Bühne pinkeln1.
Im Publikum entbrennt dann oft eine Debatte: Warum können die das Stück nicht einfach mal „1:1“ nach Vorlage spielen? Zugegeben: mir geht es häufig so. Zudem finden sich in der Stückbeschreibung keine Hinweise auf die Werktreue. Wieso nicht?
Die Werktreue
Wenn ein Regisseur, eine Regisseurin sich entscheidet, ein Stück genau so auf die Bühne zu bringen, wie der Autor es (mutmaßlich) beabsichtigt hat, sprechen wir von Werktreue.
Eine werktreue Inszenierung zeichnet sich durch drei Säulen aus:
- Texttreue: Der Originaltext wird nicht umgeschrieben, nicht in moderne Jugendsprache übersetzt und im Idealfall kaum gekürzt.
- Historischer Kontext: Kostüme und Bühnenbild orientieren sich an der Epoche, in der das Stück spielt.
- Respekt vor der Intention: Die psychologische Deutung der Figuren folgt den Hinweisen des Autors, statt sie radikal umzudeuten.
Warum wir die 1:1-Aufführung so selten sehen
Man könnte meinen, die Vorlage originalgetreu umzusetzen, sei der einfachste Weg. Doch für moderne Theaterhäuser ist das eine echte Herausforderung:
- Die Zeitkomponente: Ein ungekürzter „Wallenstein“ von Schiller würde das Publikum gut fünf Stunden im Sessel fesseln. Und bequem sitzt man nur in wenigen Theatern. In unserer schnelllebigen Zeit sind „Striche“ (Kürzungen) fast unumgänglich.
- Die Sehgewohnheiten: Wir sind durch zeitgenössische Bewegtbildproduktionen und Social Media-Videos an rasante Schnitte und visuelle Effekte gewöhnt. Ein rein Sprechtheater in historischen Kostümen wirkt auf viele junge Zuschauer*innen heute oft verstaubt.
- Die historische Lücke: Viele Witze oder politische Anspielungen aus dem 18. Jahrhundert versteht heute niemand mehr ohne Fußnoten. Regisseurinnen und Regisseure versuchen oft, diese „Lücke“ durch moderne Analogien zu schließen.
Das Regietheater
Der Gegenspieler zur Werktreue ist das Regietheater. Hier sind Regisseurinnen und Regisseure nicht mehr an die Texte geknebelt, sondern eigenständiger Künstlerinnen und Künstler. Sie nutzen das klassische Stück lediglich als Material, um eine eigene Botschaft – oft mit aktuellem Bezug – zu transportieren.
Brauchen wir das Original noch?
Die Antwort lautet für mich: Ja, unbedingt. Gerade weil das Regietheater oft sehr abstrakt sein kann, sehne ich mich – und ich denke andere ebenso – nach der Schönheit einer werktreuen Inszenierung. Sie erlaubt es uns, direkt in die Geschichte einzutauchen, ohne erst mühsam die Metaphern der Regisseurin, des Regisseurs entschlüsseln zu müssen.
Das ist kein Plädoyer gegen das Regietheater. Keinesfalls. Regietheater ist wichtiger denn je. In mir schlummert die unbefriedigte Sehnsucht nach klar ausgewiesenen Stücken und nach klassischen Inszenierungen.
Stay blogged. 😎
Dein Matthias Düsi
1 Ich erlebte mehrere Spielzeiten im Nationaltheater Mannheim, während derer in jedem Schauspiel-Stück auf die Bühne gepinkelt wurde.