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Voluminöses Spiel, Koloraturen und Taper Fade: Der Barbier von Sevilla mit perfektem Finish im Nationaltheater Mannheim

Der Barbier von Sevilla (Il barbiere di Siviglia), Nationaltheater Mannheim, OPAL, im Januar 2026. Opera buffa von Gioacchino Rossini: eine adaptierte und verlängerte Fassung der White-Wall-Oper.

Klinge scharf, Pläne schärfer – Figaros Welt in Sevilla

Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ gehört zu den bekanntesten Komödien der Opernliteratur. Im Zentrum steht Rosina, die von ihrem Vormund Bartolo streng bewacht wird, weil dieser sie selbst heiraten möchte – vor allem wegen ihres Vermögens. Doch der verkannte Graf Almaviva verliebt sich in sie und macht ihr, als scheinbar einfacher Lindoro verkleidet, den Hof. Mit Hilfe des gewitzten Figaro spinnt er ein Netz aus Intrigen, Täuschungen und Maskeraden, das schließlich in ein Happy End mündet – oder?

Schnittstelle Bühne – Die White-Wall als Barbier-Werkstatt

Die White-Wall-Oper ist ein 2020 vom Opern-Intendant Albrecht Puhlmann in Mannheim entwickeltes Format, das als kreative Antwort auf die pandemiebedingten Beschränkungen entstand. Ziel war es, trotz Abstandsregeln und reduzierter Musikerzahl Oper in konzentrierter Form erlebbar zu machen.

Statt klassischer Bühnenbilder dominiert eine weiße Projektionsfläche – die „White-Wall“. Hier verschmelzen Zeichnung, Projektion und reale Figuren zu einer neuen, hybriden Theaterform. Und genau das ist hier schnittig gelungen.

Rasierte Realität – Wenn die White-Wall ins Spiel schneidet

Im Barbier von Sevilla gestaltet der Illustrator Ernesto Lucas die projizierte Bühnenwelt. Seine schwarz-weißen Tuschezeichnungen und farbintensiven Aquarelle reagieren unmittelbar auf das Bühnengeschehen: Figuren treten aus den Bildern heraus, Farben breiten sich aus, wo Rosina zu neuem Lebensmut findet.

So entsteht ein ständiger Dialog zwischen den realen Sänger*innen und der zweidimensionalen Bildwelt. Die White-Wall fungiert dabei nicht als bloßer Hintergrund, sondern als eigenständiger Akteur, der Emotionen visualisiert, Grenzen auflöst und Realität in Fantasie überführt.

Rosina lässt beispielsweise ein auf der Leinwand langsam heruntergleitendes rotes Papier fallen, das Graf Almaviva aufhebt, allerdings als reales rotes Papier.

Durch die lebendige White-Wall und das Aufbrechen der Zweidimensionalität gelingt es, die Leichtigkeit dieser Oper zu tragen und zu fördern.

Rosina: Koloraturen ohne Verhettern

Einer meiner Höhepunkte des Abends: Shachar Lavis „Una voce poco fa“. Die Solistin präsentiert sich nicht als braves Mündel, sondern als stimmgewaltige Strategin. Ihre Koloraturen sitzen so elastisch und glänzend wie frisch eingedrehte Locken.

Figaro: Anti-Frizz-Meister

Ilya Lapich in der Titelrolle des Figaro füllt als charmanter Anarchist den Raum und begeistert gleich zu Beginn mit seinem perfekt choreografiertem „Largo al factotum“ so flüssig, als badete er in einem Anti-Frizz-Serum.

Orchestraler Glanz bis in die Spitzen

Anton Legkii und das Nationaltheater-Orchester unterstreichen die Rasanz der Bühne mit präzisem Strähnenziehen. Jede Note ist vom Ansatz bis in die Spitzen perfekt gestimmt; hier gab es keinen musikalischen Spliss. Das Orchester steigert sich in ein fulminantes Crescendo, dass beinahe die Perücken aus der ersten Reihe wegflogen.

Low Taper Fade Edgar Cut

Wunderbar altersgemischt kommt das Publikum im OPAL zusammen. Neben Upperclass-Chic gibt es eine Menge Nasenpiercings, Hochwasserhosen und Low Taper Fade Edgar Cuts. Eine Freude für Figaro. Und mich.

Team

  • Bartolo: Bartosz Urbanowicz
  • Graf Almaviva: Rafael Helbig-Kostka
  • Rosina: Shachar Lavi
  • Figaro: Ilya Lapich
  • Basilio: Sung Ha
  • Berta: Yejy Nam
  • Orchester: Nationaltheater-Orchester
  • Chor: Herrenchor des Nationaltheaters
  • Musikalische Leitung: Anton Legkii
  • Regie: Maren Schäfer
  • Bühne: Anna-Sofia Kirsch
  • Illustration: Ernesto Lucas
  • Animation: Eric Guémise
  • Chordirektor: Alistair Lilley
  • Dramaturgie: Deborah Maier/Eszter Orbán

Stay blogged. 😎

Dein Matthias Düsi