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Kultur

„Don Giovanni“ Stuttgart: Hotel-Labyrinth der Täuschungen


Andrea Moses’ zeitlose Inszenierung macht aus Mozarts Meisterwerk ein voyeuristisches Verwirrspiel – mit frischem Ensemble und Cornelius Meister am Pult.

Seit der Uraufführung 2012 kehrt Andrea Moses‘ tiefgründige Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ regelmäßig an die Stuttgarter Staatsoper zurück – zu Recht, wir sich beim Besuch im Dezember 2025 herausstellte. Zwischen Bühnenhotel, psychologisch scharf gezeichneten Figuren und einem hochkonzentrierten Mozartklang entsteht ein wunderbarer Opernabend.

Bühne: Labyrinth der Täuschungen

Volles Haus auf der doppelstöckigen Hotelbühne während der Aufführung
DON GIOVANNI: Natasha Te Rupe-Wilson (Zerlina), Johannes Kammler (Don Giovanni), Staatsorchester Stuttgart, Staatsopernchor Stuttgart; 2025

Das doppelstöckige, drehbare Bühnenhotel mit Fenstern, Türen, Treppen, Bar und dynamisch eingebundenen Garagen wirkt wie ein Labyrinth gegenseitiger Täuschungen und Enttäuschungen. Es schafft eine moderne, austauschbare Business-Hotel-Stimmung von Seelenlosigkeit und Dekadenz, in der Figuren sich verstecken, beobachten und täuschen. Die vielen Auf- und Abtrittsflächen fördern Dynamik, während gläserne Zimmer Intimität vortäuschen und doch alles einsehbar machen. Was anfangs etwas verwirrt schmiegt sich hervorragend und sehr durchacht in jede Szene ein.

Der Verführer als Spiegel

Die Stuttgarter Staatsoper beschreibt den Abend selbst als „Labyrinth gegenseitiger Täuschungen“ – und genau so fühlt er sich an: Jede Begegnung ist gleichzeitig Verführung, Selbstbetrug und Versuch, ein inneres Loch zu stopfen.

​Die Beziehungen werden klar gezeichnet: Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina sind hier keine passiven Opfer, sondern sehr eigenständige Figuren mit eigenen Agenden, die Don Giovanni genauso nutzen, wie er sie nutzt, was sie wiederum abhängig von ihm erscheinen lassen.​

Besonders spannend ist, dass Don Giovanni hier weniger als überhöhte dämonische Figur erscheint, sondern als Mann, dessen Image als Verführer ihm fast mehr anhaftet, als es ihn trägt. Es scheint wichtiger, was andere an ihm sehen, als er sich selbst mit seinem Ruf identifiziert.

Die vierte Wand

Die Inszenierung von Andrea Moses bricht die vierte Wand durch Eingänge der Figuren aus dem Zuschauerraum, direkte Blicke in den Zuschauerraum und Interaktion mit der Souffleuse. Die Hotelbühne mit durchsichtigen Fenstern öffnet zusätzlich dem Publikum den Raum. Dies alles verstärkt die Immersion: Zuschauer*innen werden zu Voyeuren, die Grenze zwischen Bühne und Saal löst sich auf. List, Täuschung, Machtmissbrauch sind nicht abstrakt.

Fazit

Wer einen „klassisch“ kostümierten Mozart erwartet, wird hier eher irritiert sein; wer Lust auf kluge Figurenarbeit, klare Bilder und einen sehr gegenwärtigen Blick auf Begehren, Macht und Verantwortung hat, dürfte ziemlich zufrieden aus dem Opernhaus in die Stuttgarter Nacht treten. Zwischendurch sorgen humoreske Interaktionen mit der Souffleuse für Abwechslung, ohne zu stören. 

Besetzung


Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Regie: Andrea Moses
Bühne und Kostüme: Christian Wiehle
Choreografie: Jacqueline Davenport
Licht: Reinhard Traub
Chor: Bernhard Moncado
Dramaturgie: Hans-Georg Wegner, Moritz Lobeck
Don Giovanni: Björn Bürger (an diesem Tag als Ersatz)
Donna Anna Martina Russomanno
Don Ottavio: Moritz Kallenberg
Komtur: Adam Palka
Leporello: Andreas Wolf (an diesem Tag als Ersatz)
Donna: Elvira Diana Haller
Zerlina: Natasha Te Rupe-Wilson
Masetto: Andrew Bogard

Stay blogged. 😎

Dein Matthias Düsi