Der geliebte Krug von Marthe Rull ist zerbrochen worden! Der Verlobte ihrer Tochter Eve soll es gewesen sein. Aber ist es so einfach? Eine Dorfgesellschaft steht vor einer harten Prüfung: Wem kann man heute überhaupt noch trauen?
Die 2025er Mannheimer Fassung von „Der zerbrochne Krug“ trifft einen empfindlichen Nerv: Kleists Dorfgericht ist hier kein folkloristisches Idyll, sondern ein klaustrophobes Machtlabor, das sehr gegenwärtig wirkt.
Ada statt Adam: Macht ohne Heiligenschein
Regisseurin Anna-Elisabeth Frick dreht an einer zentralen Schraube: Aus Dorfrichter Adam wird Dorfrichterin Ada (Maria Munkert). Das klingt nach „Update“, ist aber gerade kein feministischer Heilsversuch, sondern eine bittere Absage an die bequeme Hoffnung, Frauen würden in Machtpositionen automatisch gerechter handeln. Ada lügt, vertuscht und instrumentalisiert ihre Position mit derselben Kälte wie ihr klassisches männliches Vorbild – vielleicht sogar schneidender, weil der Absturz einer vermeintlichen Projektionsfigur härter trifft.
Setting und Atmosphäre
Die kleine Scholle auf der Bühne intensiviert die klaustrophobische Enge des Gerichtsprozesses und macht die gesellschaftlichen Spannungen greifbar. Die elektroakustischen Kompositionen von Hannes Strobl rahmen das Stück als spannungsgeladener Klangraum ein.
Ein imposantes Bodenfragment – quasi eine „Scholle“ oder Insel aus dem Boden – dominiert das Bühnenbild im Alten Kino Franklin und symbolisiert Zerstörung und Isolation. Diese kompakte Fläche zwingt die Darsteller in physische Nähe, was Lügen, Misstrauen und Hierarchien spürbar macht, als ob die gesamte Dorfgesellschaft auf einem Trümmerstück balanciert. Zusammen mit der elektroakustischen Musik entsteht ein optisch-akustisches Erlebnis, das die Absurdität des Prozesses unterstreicht, was mir erst im Nachhinein gewahr wurde.
Elektroakustische Kompositionen
Hannes Strobls Kompositionen gliedern den Text und erzeugen Kontraste zwischen schwebenden, tranceartigen Klangräumen und pulsierenden, rhythmischen Massen; ich schloss zwischendurch kurz die Augen, um mich auf die Musik zu konzentrieren. Sie machen autoritäre Macht hörbar, während Choreografie von Ted Stoffer die Momente erweitert, in denen Text pausiert und Klang übernimmt. Beunruhigend und unbehaglich wurde es hin und wieder. So muss es sich in diesem absurden Prozess angefühlt haben.
Sprache, Schweigen und ein sehr lautes System
Die Inszenierung nimmt Kleists brüchige Sprache ernst: abgebrochene Sätze, Einwürfe, Überlagerungen – das alles wird hörbar als ständiges Störgeräusch eines Systems, das seine eigene Wahrheit nicht mehr aushält. Besonders eindrücklich ist, wie konsequent Eve zur Randfigur ihrer eigenen Geschichte gemacht wird: Sie war bei der Tat anwesend, aber ihre Stimme wird unterbrochen, bevormundet oder gleich ganz ersetzt. Wenn ihr dann Worte „in den Mund gelegt“ werden, zeigt sich brutal klar, wie wenig in diesem Gerichtssaal um Gerechtigkeit und wie sehr um Deutungshoheit gerungen wird.
Who cares?
So entsteht kein klassisches „Who done it?“, sondern ein „Who cares?“ – und genau darin liegt die politische Schärfe dieser Arbeit.
Klassenzimmer oder Bühne?
Zugegeben: Über das spacige Bühnenbild und die futuristisch-elektronische Musik mussten wir eine Weile nachdenken. Nach und nach ergab alles Sinn; irgendwie. Wie wertvoll ein geistreicher Austausch ist!
Von Kleists „Krug“ ins Jetzt – oder die Zukunft – zu holen, mit dem Geschlechtertausch, dieser Art von Musik, der Darstellung des Gerichtsschreibers Licht mit zwei Personen (männlich und weiblich) und dem Bühnenbild wie den Kostümen, ist etwas herausfordernd für das Publikum, wie ich finde.
Für ein Stück, das gern ins Klassenzimmer verbannt wird, ist das eine erfreulich unbequeme, aktuelle und im besten Sinne unbequeme Rückeroberung der Bühne.
Tipp für die Schülerschaft: diese Mannheimer Inszenierung bewahrt Euch nicht vor dem Lesen des originalen Textes.
Besetzung
- Ada: Maria Munkert
- Eve: Maria Helena Bretschneider
- Ruprecht: Paul Simon
- Walter: Fabian Dott
- Marthe: Ragna Pitoll
- Brigitta: Rahel Weiss
- Licht: Pablo Weller de la Torre und Elodie Toschek
- Regie: Anna-Elisabeth Frick
Am 27. September feierte das Stück Premiere in der Spielstätte „Altes Kino Franklin“ des Nationaltheaters Mannheim.
Stay blogged. 😎
Dein Matthias Düsi