Kategorien
Kultur

Werthers letzter Post – ein Suizid als ultimativer Aufmerksamkeits-Claim. Die Leiden des jungen Werther im Nationaltheater Mannheim

„Die Leiden des jungen Werther“ im Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim in der Fassung von Jacqueline Reddington wird seit 2020 aufgeführt und zeigt, wie zeitgemäß Goethes Stoff sein kann, wenn man ihn radikal auf das Innenleben eines einzelnen Körpers und eines einzigen Displays konzentriert.

Entstanden ist ein intensiver, komprimierter Abend, der weniger vom Pathos romantischer Schwärmerei erzählt als von der narzisstischen Selbstinszenierung eines verletzten Egos im Smartphone- und Social Media-Zeitalter.

#status

Die Inszenierung von Jacqueline Reddington nimmt Goethes Briefroman aus dem Jahre 1774 beim Wort, indem sie das einseitige Erzählen zum Prinzip macht und Werther als alleinige Instanz der Wahrnehmung auf der Bühne belässt. Statt Briefe zu schreiben, tippt dieser Werther Nachrichten in sein Smartphone, wodurch aus dem berühmten Briefwechsel ein Chat-Verlauf wird, der die innere Einseitigkeit der Beziehung zugleich entlarvt und aktualisiert. Als Zuschauer ertappt man sich dabei mitzufühlen: wer hat noch nicht sehnsüchtig auf eine Chat-Antwort gewartet und jedes Warten wie jedes Wort überinterpretiert?​​

#formepage

Louis Panizzas Bühne reduziert Werthers Welt auf ein provisorisches Chaos aus Umzugskartons, Videotechnik und viel Leere. Die Bühne zwingt die Zuschauenden Orientierung zu suchen, ebenso wie Werther Orientierung sucht. Die Kartons dienen als Projektionsflächen für die Nachrichten an Lotte und ihre Antworten. Der Chat-Text überwindet Distanz zwischen den Abwesenden, die Projektion des Bildschirmtextes zeigt die Distanz zwischen Gefühlen und ihrer digitalen Form.​

#highlights

László Branko Breiding trägt den Abend als energetisches Solo, das zwischen psychologischem Rollenspiel, direkter Publikumsansprache und ironischen Brechungen changiert. Er lässt seinen Werther fast körperlich zu eng für diesen Raum erscheinen.​ Gewechselt wird zwischen heutiger Umgangssprache und Originalpassagen Goethes, in gekonnter Wechselwirkung. ​

#whythough

Werthers Leiden erscheinen so nicht mehr nur als romantische Überforderung, sondern als Symptom einer Generation, die ihre Identität in Statusmeldungen, Likes, Lesebestätigungen und Antwortzeiten verhandelt und in perverser Selbstinszenierung online zur Schau stellt. Wenn Lotte „eine Ewigkeit“ nicht auf seine Nachrichten reagiert, wirkt das wie eine zeitgenössische Variante jener tödlichen Stille, von der der Roman erzählt.​

#team

Werther: László Branko Breiding
Inszenierung: Jacqueline Reddington
Bühne & Kostüme: Louis Panizza

Stay blogged. 😎

Dein Matthias Düsi