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Das Schlämmergeständnis

Nach den Mutmaßungen und Diskussionen über die Authentizität des Schlämmerblogs nun endlich Tacheles.

Bereits im ersten Artikel des VW-Blogs Schlämmerblogs äußerte Markus in seinem Kommentar Nummer 48, dass das Schlämmerblog „[…] anscheinend ein Werbe-Gag für eine Autofirma. Also leider kein richtiges Schlämmer-Blog. […]“ ist. Woher wusste er das bereits 2 Tage nach dem ersten Artikel? Hierauf durfte die Euphorie des einen oder anderen etwas gebremst und Jene im positiven Sinne enttäuscht worden sein. D.h. die Täuschung wurde aufgehoben, ent-täuscht. Ich selbst bedingte meine „herzliche“ Willkommensheißung ob der Echtheit des Blogs in meinem ersten Kommentar dort.

In seinem aktuellen Artikel bestätigt Schlämmer (?) schließlich, wenn auch euphemistisch umschrieben, dass es sich tatsächlich um eine VW-Werbeaktion handelt.

Die Blogosphäre sieht sich im Zusammenhang mit der Schlämmeraffäre vor vielen Fragen.
Tragen Prominente soziale Verantwortung?
Darf man lügen?
Darf wegen eines gewissen Unterhaltungswertes bezahlte Unwahrheit Moralität außer Kraft setzen?
Lohnt eine Diskussion darüber?
Ist Moralität abwägbar oder abbedingbar?
Sind „Viral Marketing“ und „Branded Entertainment“ symptomatisch für den aufgeklärten Komsumenten und mit der Blogosphäre vereinbar?
Ist eine Moralisierung der Debatte notwendig?
Ist es nicht weniger aufwendig, sich unkritisch berieseln zu lassen?

Vom „den Kritikern den Wind aus den Segeln genommen zu haben“ ist unter anderem zu lesen. Keineswegs. Das späte Geständnis ist denknotwendiger Teil des Werbeplans. Für das geplante Outing, auf welches bereits vorbereitet wurde, spricht unter anderem, dass es nicht ungeschickt ist, Schlämmer zunächst im Kreise der Blogger zu platzieren und dieser erst dann, im warmen Schoße der Wohlwollenden, welche in ihrer Sache, nämlich dem Bloggen, mit der Figur Schlämmer als Konblogger, einen anderen, vielleicht besseren, Sinn sehen, liegend mit der Wahrheit rausrückt. Noch einleuchtender ist, dass ohne des Zugehörigkeitsgeständnisses VW ja keinen „Nutzen“ aus der Werbung ziehen kann. Die Kritik an der vorsätzlichen Unwahrheit und dem geplant unehrlichen Umgang mit der Blogosphäre bleibt. Ob und wie weit die Anspielungen in den Videos sowie der aktuelle Artikel auch eine Reaktion auf die Hinterfragenden sind, bleibt zunächst offen.

An Blogger ist der Anspruch zu erheben, dass im so genannten „sozialen Netzwerk“ ehrlich miteinander umgegangen wird. Das heißt nicht, dass jeder alles über sich preis geben muss, es heißt auch nicht, dass Spaß, Ironie und Unterhaltung außen vor bleiben müssen – ganz im Gegenteil – allerdings das was gesagt/geschrieben wird, muss zusammen mit dem Gesamtgebilde des Blogs ehrlich sein. Die Konsequenzen wie zum Beispiel Nonpartizipation der Leserschaft nach unlauterem Verhalten entfällt hier aber offensichtlich mit dem Promibonus.

Weiter wird gesagt, dass niemand ein Blog lesen muss, dass sich niemand die Videos ansehen muss et cetera pp.. Das ist richtig, heißt aber noch lange nicht, dass die Aktion gutzuheißen ist. Das Schlämmerblog ist nicht uninteressant und einige der Videos sind sogar witzig. Das große ABER muss auf die soziale Verantwortung eines Schlämmers einerseits und auf das, was Blogs groß werden ließ, andererseits hinweisen. Zu letzterem zählen u.a. neben Authentizität auch der kritische und reflexive Umgang mit der Umwelt. Dass jeder, der auch hinterfragend über das Schlämmerblog schreibt, zugleich „Werbung“ für Selbiges macht, ist klar, aber auch das steht dem Hinterfragen nicht entgegen. Vielleicht ist der Anspruch nach Authentizität idealisiert und nicht allgemeingültig, dennoch muss der Anspruch erhoben werden können.

quintessential ist festzuhalten, dass ungeachtet der Metafrage, nämlich derjenigen, ob und wie weit eine Diskussion über Recht und Unrecht des Schlämmerblogs zulässig sei, kurzfristig die Figur Schlämmer, die Fahrschule Hoffmann und Grevenbroich profitieren. Ob VW seine Absatzzahlen oder auch „nur“ sein Image mit der Aktion (wert)steigern kann, bleibt abzuwarten.

Olaf fragt in den Kommentaren des Geständnisses (Kommentar 32) „Warum hast du die Blogosphäre zum Blenden genutzt, warum reihst du dich ein in den Riegen der Blender…“ und weiter „…und sag mal, hast du denn schon als braver Bürger einen Beitrag an die Entwickler der frei erhältlichen Open-Source Software WordPress gespendet?“ Diese Fragen lasse ich mal so stehen, vielleicht werden sie ja noch beantwortet.

Neben der Bekanntheitssteigerung oben Genannter hat das Schlämmerblog noch etwas bewirkt. Die Blogger zeigen ihre Lebendigkeit durch Teilnahme, Diskussion, Auseinandersetzen mit Gegebenheiten, wägen ab, zeigen auf und bloggen. Allein das macht die ganze Sache schon wertvoll. Es ist interessant das Schlämmerblog sowie das, was außen herum geschieht zu verfolgen.

Ob befürwortend, ablehnend oder hinterfragend gesehen, das Schlämmerblog ist eine endliche Erfolgsgeschichte mit bittersüßem Beigeschmack.

Das schreiben die anderen:
jetzt.de
basicthinking.de
cio-weblog.de
kroetengruen.de
22.02.07 ergänzt:
[url=http://www.medienhandbuch.de/prchannel/details.php?callback=index&id=10672]medienhandbuch.de[/url]
24.02.07 ergänzt:
sueddeutsche.de
dwdl.de

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